Ortsverein Bonn-Holzlar-Hoholz
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Rede des Oberbürgermeisters Jürgen Nimptsch anlässlich der „Bogida“-Versammlung am 22.12.2014, Markt – es gilt das gesprochene Wort


 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger aus allen Teilen unserer Stadtgesellschaft, liebe Bonnerinnen und Bonner,

 

was hat dieser Platz nicht alles in der über 2000jährigen Geschichte schon gesehen: immer wieder aufrechte Menschen, die füreinander da waren. Aufrechte Menschen, die aufeinander zählen konnten, die gewusst haben und die heute wissen, dass sich im Rheinland immer die Völker durchmischt haben, dass dies uns stark gemacht hat und so auch Beethoven, wie so viele unter uns, einen Migrationshintergrund hatte. Manchmal aber hat dieser Platz auch Gestalten gesehen, die nicht das Miteinander, sondern das Gegeneinander betrieben haben und heute wieder betreiben – so wie heute die Anhänger von pro nrw, die sich gegen eine angebliche Islamisierung unserer Gesellschaft wenden.

 

Hinter mir, im Gasthaus mit der längsten Tradition aller Bonner Gaststätten, da wo sich die Geschichte des Hauses und der Stadt von den Deckenbalken ablesen lässt, da war das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen schon einmal ein großes Thema. Als der katholische Kölner Erzbischof Gebhard I. von Waldburg sich mit Gräfin Agnes von Mansfeld vermählte und zum Calvinismus übertrat, endete die Hochzeitsfeier in diesem Gasthaus 1582 im Chaos. Katholische Gegner des frisch verheirateten calvinistischen Kurfürsten stürmten das Lokal und wollten ihn aus religiösen Gründen töten. Er flüchtete in die Godesburg und der folgende Religionskrieg endete ein Jahr später, heute fast auf den Tag genau vor 431 Jahren, mit der Sprengung der Godesburg.

 

Und seitdem, seit über 400 Jahren halten wir in Bonn nun den Religionsfrieden - einmal unterbrochen vor 81 Jahren, als, wieder auf diesem Platz, Bürgerinnen und Bürger, die dem Aufruf von Nationalsozialisten gefolgt waren, hier Bücher verbrannt und gegen Menschen jüdischen Glaubens gehetzt haben. Und deswegen haben wir, liebe Bonnerinnen und Bonner, vor einem Jahr genau an dieser Stelle gemeinsam ein Bodendenkmal errichtet, mit dem wir an diese unheilvolle Zeit erinnern. Und wir werden nicht zulassen, dass Anhänger der "lokalen Variante des zeitgenössischen Nationalsozialismus" von pro nrw, wie Ralph Giordano sie genannt hat, dass diese Menschen ausgerechnet hier wieder gegen Andersgläubige zu Felde ziehen.

 

Nicht hier, wo sich am Abend nach der Verabschiedung des Grundgesetzes und nach der Wahl des ersten deutschen Bundespräsidenten vor 65 Jahren Menschen stolz versammelt haben, um sich zu unseren demokratischen Werte des Miteinanders zu bekennen.

 

Nicht hier in dieser Stadt, in der die Wiege des deutschen Grundgesetzes steht, in dem es gleich zu Beginn heißt "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Nicht hier, wo Adenauer und de Gaulle vor 50 Jahren die Jahrhunderte währende Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen begraben haben.

Nicht hier und nicht heute, in der Weihnachtswoche, in der die Mitglieder und Anhänger von pro nrw zeigen, dass sie nicht nur Schwierigkeiten mit dem Islam haben, sondern auch mit dem Christentum. Wie instinkt- und respektlos muss man sein, um genau vor den Tagen, an denen wir und überall auf der Welt die Menschen an die Flüchtlinge Maria und Josef denken, die auf der Flucht Jesus Christus auf die Welt brachten. Wie instinkt- und respektlos muss man sein, wenn man unser Gedenken an die Geburt des Flüchtlingskindes Jesus Christus und damit den christlichen Glauben missachtet, der auch bestimmendes Merkmal unserer Verfassung ist. Es geht den Anhängern der "lokalen Variante des zeitgenössischen Nationalsozialsozialismus" von pro nrw nicht nur um die Hetze gegen den Islam, nein, sie verachten auch das Christentum, die verachten Religion überhaupt. Und wenn Pe-, Bo-, Kö-, Dü- oder sonstwie –gida heute deutsche Weihnachtslieder gegen den Islam anstimmen, dann müssten sie wissen, dass Jesus der Bruder aller Menschen ist und dass viele der deutschen Weihnachtslieder ihren Ursprung im Ausland haben, wie zum Beispiel „Oh du fröhliche“, das aus Sizilien stammt. Und pro nrw sollte doch einmal im Dom unserer Nachbarstadt nachschauen, woher denn die Heiligen drei Könige kamen, um dem Christkind zu huldigen. Christen waren sie nicht, aber so ist zu lesen: „Ihre Kleider waren wie die der Syrer“.

 

Zu den wenigen Anhängern dieser Partei haben sich heute viele Zugereiste aus ganz Deutschland versammelt, weil pro nrw in Bonn mit 1,5 Prozent das schlechteste Wahlergebnis in allen Großstädten erzielt hat und allein leicht übersehen wird. Und es haben, und das gibt zu denken, es haben sich auch ein paar wenige dorthin verirrt, die mit uns und der Politik allgemein unzufrieden sind und die sich ungerecht behandelt fühlen. Und diesen rufe ich zu:

Auch wir sehen die Probleme und Schwierigkeiten, die es immer gibt, wenn Kulturen zueinanderfinden und wir sehen sie auch in unserer Stadt. Aber wir stellen uns diesen Problemen, finden Lösungen und wir erbringen in Bonn eine große Integrationsleistung. Ich behaupte nicht, dass wir dabei alles richtig machen, aber für Jeden und Jede mit Sorgen und Nöten finden sich in unserer Stadt immer Möglichkeiten, diese anzusprechen, damit wir alle gemeinsam noch besser werden in der Organisation des Zusammenlebens. Geht also der rechtsextremen Kleinpartei nicht auf den Leim, denn eines ist auch wahr: Unsere Stadt profitiert, wir alle profitieren von der Vielfalt der Völker bei uns. Sie tragen zu unserer wirtschaftlichen Stärke bei und aufgrund des demographischen Wandels werden wir den Arbeitsmarkt hier in Bonn ohne Fachkräfte aus dem Ausland nicht am laufen halten können.

 

Liebe Bonnerinnen und Bonner, ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind, um deutlich zu machen, wie wichtig Vielfalt für die Stärke und die Zukunft unserer Stadt sind. Wir werden dies auch im kommenden Jahr mit großer Gelassenheit, Ruhe, Zuversicht und Entschlossenheit leben und freuen uns jetzt auf ruhige und beschauliche Weihnachtstage. Die haben wir uns verdient. Frohes Fest und alles Gute für 2015, einem Jahr, in dem wir weitere Flüchtlinge willkommen heißen werden, alle, auch wenn sie nicht Maria und Josef heißen.

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