Ortsverein Bonn-Holzlar-Hoholz
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Big Data Neue Chancen, neue Irrwege?

Ein Essay von Gerd Eisenbeiß - 2. Januar 2016

Lieber Freund,
Du wunderst dich über Angela Merkels kürzliche Bemerkung, Daten seien der
Rohstoff unserer Zeit, also so wichtig für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft. In allen Sparten deiner Zeitung komme der Begriff „Big Data“ vor – im politischen, im wirtschaftlichen Teil und auch im Feuilleton.
 

Ja, du hast da ein (fast) neues Phänomen bemerkt, das der näheren Betrachtung wert ist.
Richtig ist das Bild vom neuen Rohstoff nur in sehr übertragenem Sinne, denn Daten sind eher ein Teil der Technologie. Gute, präzise Daten ermöglichen weitere Produktivitätssteigerungen sowohl bei materiellen Gütern wie auch bei Dienstleistungen aller Art. Man spricht auch von
Digitalisierung, weil die Daten stets in digitaler Form verarbeitet,
transportiert und gespeichert werden.

 

Diesen Chancen für mehr Wohlstand bzw. mehr Freizeit stehen Effekte gegenüber, die genau das Gegenteil befördern: Wohlstandsverluste durch erhebliche Schäden durch organisierte Kriminalität (OK) und Aufhebung der Grenze zwischen Arbeit und
Freizeit durch allzeitige Verfügbarkeit der arbeitenden Bevölkerung.

 

So entnehme ich einer Darstellung der Fraunhofer Gesellschaft, dass 2013 42 Mio Cyber-Angriffe registriert wurden, doppelt so viele wie 2012. Diese verursachten 2013 Schäden von 460 Mrd € weltweit. In Deutschland werden die Schäden auf 51 Mrd. € geschätzt (Die Schätzungen sind nach unten und oben recht grob. Einerseits ist mit erheblichen Dunkelziffern
zu rechnen, andererseits sind die kompetentesten Schätzer jene Firmen, die Sicherheit gegen Netzkriminalität verkaufen.)

 

Welche Schäden zu befürchten sind, wenn nicht „private“ Kriminalität, sondern im Konfliktfall feindliche Staaten angreifen, ist kaum auszudenken.


Die fertigende Industrie hofft auf durchgängige Produktionsprozesse. Das sogenannte Internet der Dinge soll neuen privaten Nachfrageschub er- zeugen, so dass wir die Kaffeemaschine schon auf dem Heimweg starten können. Bezahlt wird immer mehr online, so dass schon von der Abschaffung des Bargeldes gesprochen wird.
 

Wie wird unser Leben in den elementarsten Dingen noch funktionieren, wenn „Cyber-Krieg“ die Infrastrukturen lahm legt?

Es muss sich ja nicht um einen „erklärten“ Krieg im historischen Sinne handeln. Die Internetabhängigkeit macht es möglich, dass ein Staat einem anderen größten Schaden zufügt, ohne sich zu erkennen zu geben oder eindeutig als Täter identifiziert werden zu können.


Nun hat man uns stets versichert, die Systeme seien sicher. Aber warum gibt es dann ein Schadensvolumen von einer halben Billionen Dollar? Beruhigend wird gesagt, die Sicherheits-Technologie schreite voran. Aber wird es nicht derselbe Wettlauf zwischen Verteidigung und Angriff, den wir aus anderen Bereichen der Kriminalität kennen?
 

Viele engagierte Demokraten verfolgen den Traum eines freien Internets bei vollständiger Datensouveränität des Individuums bezüglich seiner persönlichen Daten. Auch da versichern uns die Fachleute, das könne man technologisch, z.B. durch Verschlüsselung, oder durch Gesetze hin bekommen. Wer das tatsächliche Verhalten der Menschen im Internet verfolgt, weiß, dass es die zu schützenden Menschen
selbst sind, die für gebotene Bequemlichkeit wenig Interesse am Schutz ihrer Daten
zeigen.
Als Laie wundert man sich ängstlich über den Optimismus der Prot- agonisten des Internets der Dinge und der Total-Digitalisierung bei Industrie 4.0. Ist es nicht eher wahrscheinlich, dass der Satz gilt:
"Was vernetzt ist, kann gehackt werden"?
 

Das ist wahrhaft aufregend! Dazu noch ein Stück Analyse:
 

Zunächst muss man sich klar machen, dass wir alle schon heute immer mehr Daten erzeugen und irgendwo hinterlassen. Das liegt daran, dass überall Computer registrieren,
was wir tun, ja, dass wir selbst vieles über Computer oder Handys erledigen: Zahlungsvorgänge, Planungen, Korrespondenz u.s.w. Da nun Datenspeicher immer billiger geworden sind, verschwinden diese Daten nicht nach Gebrauch, sondern liegen irgendwo in der Welt auf Computer-Speichern. Weil wir nicht wissen, wo diese Speicher real stehen, sagt man uns, sie seien irgendwie in einer Wolke, in der „cloud“. Eine Schätzung ergab, dass 2015 mehr Daten erzeugt und gespeichert wurden, als in allen Zeiten davor. Vervielfacht wird der Datenberg in nächster Zukunft durch die zunehmende elektronische Vernetzung von industriellen Fertigungs-vorgängen (Industrie 4.0), von Funktionen und Geräten in unseren Häusern („smart homes“) und Fahrerassistenzsystemen bis hin zum automatischen, fahrerlosen Auto.


Eine Abgrenzung nicht persönlicher Daten aus dem Gesamtaufkommen wird immer weniger möglich. In automatisch fahrenden Autos sitzen Personen, die Datensignale für das smart home kommen von Personen, die nicht automatisierten Teile der Produktion werden von Personen geplant, entworfen und kontrolliert. Was bei Amazon schon „Personalmangement by Data“ heißt, also die (scheinbar) exakte Leistungsmessung beim Mitarbeiter, führt die Arbeitswelt zurück in die Nähe des Akkords.
Denn natürlich haben die „Messergebnisse“ Einfluss auf die Gehalts-entwicklung!

 

„Big Data“ ist dieser Berg an Daten, der bis in die Wolken reicht, eben in die „cloud“. Zu diesem Bild passt auch der Begriff des „data mining“, also des Daten-Bergbaus, mit dem man vor Jahren begann, den Wert der Massendaten zu realisieren und zu heben wie Kohle oder Erze. So wie man im Bergbau aus dreckigem Abbau durch industrielle Aufbereitung die gewünschten reinen Stoffe heraus löst, so können heute Hochleistungs- computer aus dem Wust an Daten in Bruchteilen von Sekunden zielge- richtete Zusammenstellungen produzieren, z.B. für genau berechnete Kaufangebote, aber auch für Personen-Profile. Es ist eine Form der Rasterfahndung, die sich auf wirtschaftlich wertvolle Erkenntnisse ausrichten lässt, aber auch auf Individuen in Bezug auf ihre Eigenschaften und Neigungen. Ein gutes Beispiel war die Nachricht, dass Google früher von Schwangerschaften weiß als etwa der werdende Vater, vielleicht
sogar als die werdende Mutter selbst.


Als ich selbst vor fast 40 Jahren im Forschungsministerium ein Referat leitete, das sich mit des Grundsatzfragen der beginnenden Computer- isierung weiter Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft befasste, ahnten meine Mitarbeiter, Berater und ich selbst nichts von der Revolution durch Internet und mobile Kommunikation. Vorherrschend war ein vages Gefühl, viel könne sich ändern. Befürchtet wurde vor allem, eine neue Ratio- nalisierungswelle werde Massenarbeitslosigkeit erzeugen und die
Menschen würden gläsern durch die Datenschatten, die sie hinterließen – immerhin, dies schon: der Schutz individueller Daten wurde als mögliches Problem erkannt.

 

Wenn ich heute auf die bis in die Wolken, bzw. clouds, reichenden Datenberge blicke, dann kann ich nur einen Nutzungszweck erkennen: die Verbesserung von Dienstleistungen. Der Begriff „Dienstleistung“ umfasst viele Bereiche:
- öffentliche und private Planung, z.B. Verkehrsplanung, individuelle Reiseplanung
- Entwicklung besserer Gebrauchsgüter durch Erfassung von Nutzer- verhalten,
Anwendungsproblemen, Kundenwünschen, online-Handel à la Amazon etc
-
Werbung, Werbung und nochmals Werbung; Vermeidung von Streu- verlusten, Individualisierung der Angebote bis hin zu besserer Mani- pulation von Meinungen und Einstellungen.
 

Damit relativiert sich auch der Begriff der „Verbesserung“, denn die allgegenwärtige Werbung wird eher als lästig empfunden. Die aus dem Datenberg analysierte Information über unser privates Leben, Vorlieben und Kaufverhalten werden als Ausspähung empfunden – bis hin zur grundsätzlich nicht abwegigen Befürchtung, dass sensible Daten, z.B. über Krankheiten, sexuelle und politische Orientierung an die falsche Adresse geliefert werden oder gar der Staat uns überwacht.


Das kommerzielle Prinzip vieler Big Data-Nutzungen ist: wir zahlen zunächst mit unseren Daten für angenehme Internet-Dienstleistungen. Der Dienstleister erzielt sein Einkommen über den Verkauf eben dieser Daten in „veredelter“ Form, d.h. vor allem als gebündelte Information für gezielte Werbung und individualisierte Angebote. Die tatsächlichen Kosten des ganzen Systems tragen also wieder wir als Verbraucher, da die Werbe- kosten in den Endpreisen enthalten sind.
 

Der Besitz und Zugriff auf die Datenberge bietet so große wirtschaftliche Vorteile, dass diese qualitativ in politische Macht umschlagen, wenn Quasi-Monopole entstehen. Google und Amazon sind gute Beispiele für die scharfe Kostendegression bei Größenwachstum, die Software-basierte Unternehmen aufweisen – eine weit schärfere Kostendegression als bei industrieller Massenfabrikation materieller Güter. Fast alle Kosten konzentrieren sich auf die Erstellung der Software, also der Algorithmen
und Programme, mit denen die Datenberge durchsucht werden; damit werden die Grenzkosten einer speziellen Dienstleistung fast null. Wer also die Daten besitzt und die Software, wächst exponentiell, weil ihm jede der verführerisch bequemen Dienstleistungen neue Daten quasi von selbst beschert.

 

Da Marktwirtschaft nur als Wettbewerbssystem sozial gestaltet werden kann, ist dies eine große Gefahr: wer sich in der Startphase einen Vor- sprung sichert, z.B. durch die kapitalstarke Bereitschaft zu jahrelangen Verlusten, kann anschließend die Wettbewerber ins Abseits drücken. Nationale Wettbewerbsbehörden wie unser Kartellamt können diese Tendenz nicht stoppen, weil das Internet ein globaler Marktplatz ist,
dessen Regelung nur bei perfekter globaler Kooperation gelingen könnte. Denn – so ein alter Lehrsatz – : Marktwirtschaft ist eine staatliche Veranstaltung. Aber dem globalen Internet und der Cloud steht kein globaler Staat gegenüber.
Wer zumindest das Ausspähen der Privatsphäre unrentabel machen möchte, muss also die Werbung in internetbasierten Diensten verbieten. Ich wäre dafür, weil Werbung eine der Triebkräfte für Konsum-Wachstum ist und damit dem notwendigen Wandel hin zu Nachhaltigkeit entgegen- wirkt.

 

Da es eine illusionäre Hoffnung ist, Werbung in dieser Weise zu verbieten, kann der
Einzelne durch Installation von Werbeblockern in seinen Computern einen Beitrag leisten. Ich habe einen solchen Blocker vor kurzem installiert – herrlich!


Nun las ich, dass durch Werbeblocker bereits ein „Schaden“ von 22 Mrd. € entstehe. Das hat transparent gemacht, mit welch gigantischen Summen die werbende Wirtschaft die scheinbar unentgeltlichen Internetdienste bezahlt, wenn schon die wenigen Werbeblocker die Einnahmen um 22 Mrd. gesenkt haben.


Wenn man an die große, wachsende Differenz zwischen Reich und Arm auf unserem Planeten denkt, dürfte die Digitalisierung, Big Data und die allgemeine Vernetzung die Situation verschlimmern, sowohl innerhalb „reicher“ Gesellschaften als auch zwischen Industrieländern und weniger entwickelten Ländern, auch wenn letztere schneller Anschluss an die Technologien der Industrieländer bekommen werden.
Das liegt einfach daran, dass die vorne noch schneller rennen werden, so dass ein Aufholen unmöglich wird.

Nimmt man alles zusammen, was an Chancen und Gefahren in der Digitalisierung und der totalen Vernetzung steckt, ist ein überzeugender Netto-Nutzen des neuen „Rohstoffs“ nicht zu erkennen.

Wiederum läuft die Welt in einem nicht aufhaltbaren Prozess in eine Richtung, in der kein entscheidender Vorteil liegt, zumal es naiv wäre, für die Zukunft nicht von schweren Konflikten mit anderen Staaten und
mächtiger Organisierter Kriminalität auszugehen. Getrieben wird dieser Prozess von Wissenschaft und Technologie sowie jenen Kräften, die sich damit Wettbewerbsvorteile erhoffen oder umgekehrt Nachteile im Wettbewerb mit anderen befürchten.


Wenn das mal gut geht!

 

 

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